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Stecklinge – schneiden und bewurzeln

Stecklinge ist ein Begriff aus der Botanik und beschreibt abgetrennte Pflanzenteile zwecks Vermehrung. Ein Steckling hat also nichts mit Ablegern/ Kindeln zu tun, die auf natürliche Weise an der Mutterpflanze wachsen.

Inhaltsverzeichnis

Der Zweck von Stecklingen bei Sukkulenten

Normalerweise fertigt man solche Stecklinge selbst an, um die eigenen Sukkulenten zu vermehren. Wenn ihr Sukkulenten bei Fachhändlern kauft, dann kauft ihr meistens ehemalige Stecklinge. Es ist die günstigste, schnellste und einfachste Art der Vermehrung. Die Aufzucht über Samen ist komplexer und dauert wesentlich länger.

Kakteenhändler haben dafür meist „Mutterpflanzen“, die selbst nicht zum Verkauf stehen. Es sind meist ältere Pflanzen, die bereits viele Triebe gebildet haben und wo man sich reichlich bedienen kann. Im Verkauf landen dann die Stecklinge, die von einer Jungpflanze kaum zu unterscheiden sind.

Es kann aber auch der Fall sein, dass ihr die Mutterpflanze dadurch „rettet“- etwa wenn eine eurer Pflanzen an einem starken Schädlingsbefall oder unter Fäulnis leidet. In dem Fall ist das Schneiden eines sauberen Stecklings oft die einzige Überlebenschance für eure Pflanze, da somit die gesunden Teile der Sukkulente überleben.

Unterschied zwischen Stecklingen und Blattstecklingen

Blattstecklinge sind, wie der Name verrät, ebenfalls eine Art von Stecklingen – es sind aber zwei ganz unterschiedliche Methoden am Werk. Ein gewöhnlicher Steckling besteht etwa aus dem ursprünglichen Haupt- oder Nebentrieb einer Sukkulente. Dafür müsst ihr quasi die Mutterpflanze stutzen oder teilen, was einen relativ invasiven Eingriff darstellt.

Blattstecklinge hingegen können problemlos entnommen werden, ohne dabei der Mutterpflanze zu schaden oder sie großartig bearbeiten zu müssen. Für Blattstecklinge benötigt ihr lediglich ein paar gesunde Blätter, die ihr dann beiseite legt.

Bei einem Blattsteckling wächst eine ganz neue Pflanze aus den Kräften des entnommenen Blattes – das Blatt dient nur als Energielieferant. Bei einem Steckling hingegen ist der abgetrennte Trieb das Herz der neuen Pflanze. Dieser muss erst bewurzelt werden. Mehr zu Blattstecklingen erfahrt ihr im Artikel „Blattstecklinge“ im Sukkulenten-ABC.

Welche Art von Steckling für welche Gattung?

Je nach Gattung der Sukkulente unterscheidet sich die Art und Weise der Vermehrung. Ich erkläre dies anhand einer Reihe von Beispielen:

Echeveria, Sedum, Senecio, Kalanchoe und Co.

Hier kommt es darauf an ob die Pflanze nur einen Stamm hat oder sich schon verzweigt hat. Bei verzweigten Stämmen kann man gefahrenlos einen der Triebe abschneiden. Wo ihr den Schnitt am besten ansetzt, erfahrt ihr später noch.

Zwei Stecklinge aus der Gattung Sedum
Klassische Kopfstecklinge bei zwei Arten von Sedum.
Ableger/ Kindel eines Sempervivums. Bei dieser Art kann man keine klassischen Stecklinge schneiden.
Hauswurz/ Sempervivum bildet viele Ableger, die sich auch getrennt bewurzeln lassen.

Sempervivum

Im Grunde gibt es hier keine Stecklinge, da diese Gattung keinen (oder nur einen sehr kurzen) Stamm hat und sehr viele Kindel bildet. Irgendwann trennt man diese aber von dem Strang der Mutterpflanze ab und pflanzt diese separat.

Zudem haben Sempervivum einen kürzeren Lebenszyklus und verhalten sich so ähnlich wie Bromelien. Die Blüte besiegelt die Lebenszeit der Pflanze – zuvor werden aber massig Ableger produziert, die dann neben der Pflanze weiter wachsen.

Aloe, Haworthia und Co.

Bei Aloen und Co. sind Blattstecklinge üblicher, da sich der Schnitt schwierig gestaltet. Die Wuchsform der Blätter erschwert dies.

Für die Blattstecklinge werden bei Haworthien einzelne Blätter vom Stamm entfernt (vorsichtig abwickeln, nicht abreißen) und in Erde gesetzt, bei Aloe ziemlich ähnlich. Bei mir persönlich hat die Methode aber nicht funktioniert.

Blätter einer Aloe mitriformis. Die Blätter sind bedornt und fleischig.
Bei Aloen schneidet man keine Stecklinge, sondern versucht abgetrennte Blätter zu bewurzeln.
3 große Stecklinge einer Euphorbia trigona. Zur Bewurzelung stehen diese bereits in kleinen Wassergläsern.
3 große Stecklinge einer Euphorbia trigona

Euphorbien

Je nach Art sehr unterschiedlich, da die Gattung sehr divers ist. Bei einer Euphorbia trigona z.B. muss der Schnitt sehr weit unten erfolgen, fast am Wurzelballen. Hier kann die Pflanze am leichtesten neue Wurzeln bilden.

Bei Euphorbien muss man zudem weitere Hygiene-Maßnahmen ergreifen, da die Pflanzen bei Verletzung einen weißen Milchsaft absondern. Dieser ist hautreizend und leicht giftig. Tragt hier also besser Handschuhe!

Bei Aeonien habe ich leider keine positiven Erfahrungswerte. Ich habe desöfteren Stecklinge bei Aeonien probiert, die aber nie neue Wurzeln gebildet haben. Das Problem bei vielen Arten ist, dass der Stamm sehr dünn und fragil ist. Zudem verholzt er ziemlich schnell und ist dadurch im Wuchs gehemmt. Bei Wüstenrosen habe ich es ebenfalls probiert, leider ohne Erfolg.

Der Schnitt – worauf sollte man achten?

Das ist pauschal, wie oben erklärt, nicht ganz einfach zu beantworten. Gehen wir mal vom Beispiel einer Echeveria oder einem Graptopetalum aus. Das hier gezeigte Exemplar sieht noch ganz gut aus, wird sich aufgrund des Eigengewichtes aber irgendwann sehr zur Seite lehnen. Hier würde sich nun ein Kopfsteckling anbieten. Im folgenden Bild habe ich für euch die Stellen am Trieb markiert, wo ich den Schnitt ansetzen würde.

Die Grafik demonstriert anhand eines Graptopetalums, wo man den Schnitt für einen Steckling am besten ansetzen sollte. Dies ist auf der Grafik durch eine grüne, gelbe und rote Linie markiert.
Ungefähre Schnittpositionen für das Schneiden eines Kopfstecklings

Der weiße Pfeil zeigt am Ende etwa auf den Kopf der Pflanze – davon lässt sich der Abstand zur Schnittstelle besser verdeutlichen. Nun kommt es darauf an, wo ihr den Schnitt ansetzt:

  • grüne Linie – optimaler Schnitt, leichte Bewurzelung
  • gelbe Linie – noch guter Schnitt, lässt sich bewurzeln
  • rote Linie – ungünstiger Schnitt, lässt sich schwerer bewurzeln

Je näher an der Rosette ihr schneidet, desto leichter fällt es dem Steckling im Anschluss Wurzeln zu bilden. Um an der grünen Linie schneiden zu können müsst ihr vorher natürlich sorgsam die Blätter entfernen, die im Weg liegen. Diese könnt ihr als Blattstecklinge benutzen.

Tipp: Schneidet immer in einem sauberen Zug und möglichst gleichmäßig – dies erleichtert die Heilung der Schnittstelle.

Beim Schnitt auf die Hygiene achten

Achtet beim Schnitt darauf, dass ihr ein scharfes und möglichst steriles Messer benutzt. Ich benutze meistens einfach ein scharfes Küchenmesser, also kein Sonderzubehör :). Sterilität ist wichtig, damit keine Keime in die Schnittstellen der Pflanze geraten, sonst könnte es zu Fäulnis kommen.

Um euer Messer zu sterilisieren könnt ihr es mit Alkohol oder unter heißem Wasser abwaschen. Eine andere Möglichkeit ist das Erhitzen mittels einer Flamme oder eines Feuerzeuges. Durch die Hitze sterben mögliche Keime ab.

Kleiner Haushaltstipp: Ihr könnt solche Schnittwunden, aber auch generell Wunden an Pflanzen, einfach mit einer leichten Schicht aus Zimt bestäuben. Das Gewürz hat eine desinfizierende Wirkung und greift die Pflanze nicht an.

Stecklinge ruhen lassen

Die Stecklinge, egal welcher Gattung, sollten möglichst einige Tage ruhen bevor man über das Einpflanzen oder water propagation nachdenkt. Unmittelbar nach dem Schnitt ist die Schnittstelle noch feucht und es besteht die Gefahr von Fäulnis. Ist mir selbst schon bei einigen Ablegern passiert und diese waren dann auch meist nicht mehr zu retten.

Ihr lasst die Stecklinge also so lange trocknen bis ihr merkt, dass der Stiel bereits getrocknet/ gehärtet ist. Lasst die Stecklinge im Zweifelsfall lieber zu lange ruhen, als zu kurz. Stecklinge können bis zu 2 Monate ruhen, bevor man sie dann bewurzelt. Pflicht ist das aber natürlich nicht – einige Tage genügen in den meisten Fällen.

Als Vorarbeit zum nächsten Schritt solltet ihr dann, falls vorhanden, die unteren Blätter des Stecklings entfernen. Dadurch könnt ihr den Steckling tiefer einpflanzen. Passt aber auf, dass ihr nicht zu viele Blätter entfernt, denn ohne Blätter findet keine Photosynthese statt. Ohne Energiezufuhr fällt das Wachstum dann sehr schwer.

Bewurzelung in Erde

Nachdem eure Stecklinge eine Weile geruht haben könnt ihr sie in Erde pflanzen. Je nach Größe könnt ihr entweder mehrere Stecklinge in einer Schale zusammen bewurzeln, oder bereits einen eigenen Topf bereitstellen.

Unbewurzelter Steckling einer Echeveria
Unbewurzelter Steckling
Bewurzelter Steckling einer Echeveria
Bewurzelter Steckling
Gesunde Echeveria, die aus einem Steckling gezogen wurde.
Gesunde Echeveria

Bezüglich des zu verwendenden Substrates gibt es kein richtig oder falsch. Manche Leute schwören bei der Bewurzelung auf eher mineralische Substrate, zum Beispiel Bims. Auch kalkfreier (!) Sand wird dafür gerne genutzt.

Der Vorteil von Blumenerde ist, dass die Pflanze sofort einen Nährstoff-Boost bekommt, sobald die ersten Wurzeln da sind. Die länger andauernde Feuchtigkeit der Erde kann aber zum Problem werden und Fäulnis erzeugen. Blumenerde ist zudem anfälliger für Schädlinge, wie etwa Trauermücken. Diese liiieeeben frische Wurzeln – also gut darauf achten, ob ihr diese kleinen Biester an den Stecklingen seht.

Water propagation

Mir ist dafür kein richtiges deutsches Wort bekannt, aber „Bewurzelung in Wasser“ trifft es wohl am besten. Diese Methode ist eigentlich nur ein Zwischenschritt, bevor man die Stecklinge dann trotzdem in Erde setzt.

Ich habe diese Methode selbst häufiger probiert und bin zu gemischten Ergebnissen gekommen. Bei vielen Arten haben sich tatsächlich schneller Wurzeln gebildet, als durch klassische Bewurzelung in Erde. Das Tolle ist zudem, dass ihr es live mitverfolgen könnt wenn ihr ein durchsichtiges Glas benutzt.

Wie immer bei Wasser und Feuchtigkeit müsst ihr darauf achten, dass die Triebe nicht anfangen zu gammeln. Zudem solltet ihr das Wasser mindestens ein Mal pro Woche wechseln, da sich hier Keime im Wasser ablagern können.

Wenn die Pflanze dann ordentlich Wurzeln gebildet hat muss sie schließlich in Erde gepflanzt werden. Achtet bei diesem Schritt darauf, dass ihr sehr vorsichtig mit den Wurzeln umgeht. Da sie bisher nur in Wasser „geschwebt“ sind, sind sie leider auch sehr fragil.

Steckling einer Euphorbia trigona wird in Wasser bewurzelt.
Steckling einer Euphorbia trigona, die in Wasser bewurzelt werden. Das Wachstum ist hier gut durch die Transparenz des Glases sichtbar.

Schnelles Bewurzeln durch chemische Helfer

Mit speziellen Bewurzelungshormonen könnt ihr eure Stecklinge schneller bewurzeln – dies funktioniert aber eher, wenn ihr die Bewurzelung in Erde wählt. Solche Mittel gibt es viele, da kann ich euch auch leider keine genaue Präferenz geben. Anzeige: Hier ein Präparat auf Amazon, das ich selbst schon benutzt habe.

Das Mittel wird je nach Anbieter unterschiedlich eingesetzt:

a) Direkte Beimischung unter die Erde

b) Bestäuben der Schnittstelle mit dem Pulver

Ich habe beide Arten getestet und es hat bei mir gut funktioniert. Solche Mittel sind aber absolut kein Must-Have. Die meisten Sukkulenten lassen sich ganz ohne chemische Beihilfe bewurzeln.

Was passiert mit der Mutterpflanze nach dem Schnitt?

Die Mutterpflanze, von der ihr den Steckling geschnitten habt, müsst ihr keinesfalls entsorgen. Im Grunde ist das Schneiden von Stecklingen in vielen Fällen nichts anderes, als ein Rückschnitt. Dieser Rückschnitt fördert auch neues Wachstum an der alten Pflanze.

Eine Echeveria, bei der ein Kopfsteckling geschnitten wurde. Entlang des Stamms ist danach neues Wachstum aufgereten.
Oben erkennt ihr noch die Schnittstelle – im Anschluss bildeten sich zwei neue Triebe am Stamm dieser Echeveria.
Die ehemalige Stelle des Rückschnitts einer Kalanchoe beharensis - aus den Seiten der Schnittstelle sind bereits neue Triebe gesprossen.
Neues Wachstum entlang der ehemaligen Schnittstelle bei einer Kalanchoe beharensis

Wie ihr bei diesen beiden Beispielen seht, wachsen die Mutterpflanzen kräftig weiter. Meist entstehen unterhalb der Schnittstelle zwei neue Triebe.